Kindheit Teil 4 - Das Schlachten

So wurden natürlich viele Geschichten erzählt.......
Wie z.B. auch diese, am Weserdeich war es ein heimlicher Wettkampf geworden, daß jeder das dickste
Schwein haben wollte, so musste der Schlachter beim Wiegen auch manchmal schummeln und wog mal ein
Stück doppelt, oder mal ein Stück gar nicht, das wurde dann immer mit einigen Grog‘s belohnt, so wurden
Früher auch Feste gefeiert.
Heiko Lucziga, der auch schon das unschöne Erlebnis mit dem Wurstkochen hatte, hatte bei der gleichen
Schlachtung noch folgendes Erlebnis, da ja in der Nachkriegzeit niemand Waffen oder waffenähnliche
Instrumente habe durfte, musste das Schwein ja geschlagen werden, also mit dem Betäubungshammer.
Der Schlachter verfehlte aber sein Ziel, und traf nur das Ohr, und da das Schwein nicht richtig angebunden
war, rannte es natürlich wild schreiend durch den Garten bis hinüber zum Nachbarn, und es kostete wohl
sichtlich Mühe es wieder einzufangen.
Wenn es bei Schlachter Wachtendorf aus Berne manchmal eng wurde, und es sehr viel zu tun gab, half
mein Vater auch schon mal aus, ich war auch einige male mit und fand es sehr interessant.
Hermann Wachtendorf fragte mich ob ich nicht bei Ihm lernen wolle, aber da stand mein Berufswunsch als
Elektriker schon fest.
Auch mein Großvetter Heino Osterloh Schlachtete aushilfsweise bei Wachendorf‘s, er erzählte, wenn die
Schweine tot waren, ging Hermann erst mal zu Willi Drewes, der Kneipe gegenüber, und trank erst einmal
eine lütje Lage „Bier und Korn“.
Zu der Zeit war Berne und Umgebung noch ein guter wirtschaftlicher Standort für zwei Schlachtbetriebe
mit Ladenverkauf, in diesem Falle Wachtendorf und Bober, die beide sehr gute Ware hatten.
Dann übernahmen Sohn Heinz mit Ehefrau Ingrid die Geschäfte, die sie erfolgreich weiterführten.
Ingrid ist eine Geb. Menkens, der Vater Hein Menkens (Maurer) arbeitete zu der Zeit mit meinem Vater auf
der Roland Werft zusammen, und so ergab es sich, dass Hein bei uns mauerte und ich ihm zupflegen
musste, was wirklich sehr viel Spaß machte, denn er war ein sehr lustiger Mensch.
Ich war ca. 14-15Jahre alt und Tochter Ingrid hatte wohl gerade Heinz kennen gelernt, mit dem sie abends
zur Party wollte, aber zu der Zeit war das Wort „Party“ noch nicht so bekannt, und er erzählet immer
wieder, Klaus, de willt no ene Party, Party, Party, so ging das den ganzen Tag.
Neuerlich, in Jahre 2011, lernte ich nun den Sohn der beiden, Sascha, kennen, der als gelernter
Fleischermeister nun den Betrieb, der jetzt ausgelagert ist, mit selbst hergestellten Wurstwaren und
Partyservice weiterführt.
Der aber auch ein sehr altes Rezept, modern und erfolgreich wieder aufleben lässt, nämlich Rulken, ich
habe sie probiert, sehr schmackhaft.
Hiermit werden ganze Events, wie mit Knipp oder Grünkohl ausgerichtet.
Rulken wurden früher in Rinderpansen, der sehr aufwendig und auch schwer gereinigt werden, und dann in
Wursthüllen genäht werden musste, eingefüllt.
Die Rulken Masse besteht im Wesentlichen aus Rindfleisch und Reis, welche mit Salz, Pfeffer, Kräutern
und Muskatblüte gewürzt wird.
Der Grund dieses kennenlernens war folgender:
Hans Vinck, von dem wir jährlich unser Schwein zum Wursten bekamen, konnte diese nicht mehr auf dem
Schlachthof Oldenburg schlachten lassen, somit war er auf der Suche nach einem Schlachter, der noch die
Erlaubnis zum Schlachten hat, auf Wachtendorf in Berne gestoßen, der nur noch die Erlaubnis zum
Hausschlachten hat, die Tiere , die er selber vermarkten will, lässt er in Rodenkirchen schlachten,
somit lernten wir uns kennen und hatten auch so manches zu erzählen.
Bei dem Bauern Friedrich „Fied“ Hespe auf dem Wehrder wurde für den Sohn Wilhelm, meines Alters,
schon von Kind an bei jedem Schlachten Fleischschnipsel auf der Herdplatte gebraten, und auch, was seine
Mutter gar nicht mochte, aß er gerne rohe zarte Fleischstückchen ,als ich dann mit ging, bekam ich natürlich
auch etwas, denn Hespe’s waren und sind bis heute immer nette und großzügige Leute.
Hespes hatten zu unserer Kinderzeiten auch ein kleines Shetland Pony, das hieß Peter, mit dem zog
Wilhelm durchs Dorf, und wir alle hinterher, und durften auch manchmal reiten. Aber dann kam auch die Zeit der Erneuerungen, die Schlachterläden in den Orten wurden größer und ihr
Sortiment wurde reichhaltiger, die Wirtschaft „boomte“ und die meisten Leute konnten sich den Einkauf
beim Schlachter leisten.
Die Leute wollten es einfacher haben, es wurde auch gut verdient und sie wollten auch mal etwas anderes
essen, einen anderen Geschmack haben, was auch in Ordnung war.
Erst mästeten sie noch die Schweine und verkauften sie an die örtlichen Schlachter, oder ließen sie für sich
schlachten, dann war auch das „out“ und es wurde ganz aufgegeben.
Die Ställe in den Privathäusern wurden zu Wohnungen, es wurde alles modernisiert.
So verlor man die Verbindung zum Hausschlachten und zu dem Würzen mit natürlichen Zutaten.
Selbst das Kochen wurde durch die Fertigwaren schon teilweise nicht mehr richtig gelernt.
Wir hatten in den ersten beiden Ehejahren noch selbst ein Schwein, bis wir das Haus umgebaut, bzw. das
Vorderhaus, mit der Diele, dem Schweinestall, für ca. 3 Schweine, dem Kuhstall, wir konnten auch noch 2
Kühe stellen, dem Hühnerstall und dem Plumpsklo, zu einer Wohnung umgebaut hatten.
Dann bekamen wir noch lange Jahre Schwein und Rind von den Schwiegereltern, Hanna und Georg
Hohnholz, die einen Bauernhof in Buttel hatten, wobei wir das Schwein vorerst noch selbst schlachteten,
dann aber Hermann Terborg und Heino Osterloh es wieder übernahmen, denn sie waren bisher die Hausund
Hofschlachter gewesen.
Bei einer unserer eigenen Schlachtung fragte ich meine Tochter Anja, sie war da ca. 5 oder 6 Jahre, ob sie
nicht auch mal Blut rühren möchte, sie gleich die Ärmel hoch, stand fast mit dem Kopf im Eimer und rührte
fleißig, sie weiß noch heute, dass sie solange rühren musste bis die Adern geronnen waren.
Wobei ich auch noch sagen muss, dass meine Ehefrau Klara eine hervorragende Köchin war und auch
Spaß am Wursten fand.
Wie schon einige Male gesagt, immer wenn das Gespräch auf’s Hausschlachten kommt, kommen auch
Geschichten.
Jetzt, am 27.November 2010 auf der „Goldenen Hochzeit“ von meinem Cousin Wolfgang Mahlstedt mit
seiner Ehefrau Annemone, geb. Gerken aus Berne, traf ich nach langen Jahren Ingeborg Rehse, geb.
Schneider mit ihrem Mann Hein Gerd wieder.
Die beiden betreiben eine Frisör- Geschäft-Kette im Landkreis Wesermarsch.
So erzählte Ingeborg, heute gut aussehende 72Jahre alt, eine fast unglaubliche Geschichte.
Ingeborg wuchs in Oldenburg auf, mit ihrer Mutter Mariechen Schneider und ihrer Oma Grete Hagestedt,
wohnte sie in der Schäfer Straße 3.
Es war im Jahre 1944, alle Männer der Straße waren im Krieg, nur der alte Gemüsehändler Opa Claasen, er
war zu alt für den Krieg, betrieb noch sein kleines Geschäft.
Aber alle Menschen hatten Hunger, durften aber kein Schwein halten, so wurde natürlich heimlich ein
Schwein versteckt gehalten.
So auch bei Ingeborgs Familie, sie hatten das Schwein im Fahrradkeller versteckt und heimlich
großgezogen und gemästet.
Nun kam ja auch der Moment wo das Schwein geschlachtet werden sollte, aber wie Tot kriegen, es durfte ja
auch keiner merken???
Oma war zwar Bäuerin, aber da war auch sie etwas hilflos.
Sie hatte aber eine Idee!!!
Sie hatte aus unbestimmten Gründen Schlafmittel gesammelt und gehortet und wollte hiermit das Schwein
ruhig stellen und dann schlachten.
Sie schickte nun Tochter Mariechen mit den Kindern Ingeborg und Hildegard zum Spazieren gehen, denn
die Kinder sollten es ja nicht sehen. Als sie dann nach einer Weile wieder kamen, trauten sie ihren Augen nicht, Oma saß rittlings auf dem
quitschenden Schwein, raste durch den Stall und sagte:
„Dat Swin wull nich sloapen“
In großer Verzweiflung wurde nun doch Opa Claasen geholt und das Schwein gemeinschaftlich
geschlachtet.
Alles Weitere wurde dann von den Frauen gemacht.
Opa Claasen bekam noch ein gutes Dankes- und Schweigestück mit nach Hause.
Aber Ingeborg wusste noch eine Geschichte.
Zu der Zeit wurde ja auf Teufel komm heraus gehandelt und geschachert.
So fuhr sie auch häufig mit ihrer Tante übers Land, natürlich mit dem Fahrrad, und man schacherte mit
Kleidern gegen ein Huhn, Butter oder Speck usw. Eines Tages hatten sie auch ein Ferkel eingehandelt.
Auf dem Heimweg, natürlich froh und stolz wie Oskar, nach diesem genialen Handel, kam leider ein
Fliegerangriff, und die beiden mussten flugs runter vom Rad und sich am Grabenrand schützend verstecken.
Aber nun kam das Elend, Ingeborg konnte das Ferkel nicht mehr halten und dieses raste nun mit voller
Geschwindigkeit über die Weiden.
Sie rannte unter großer Gefahr, die sie in diesem Alter natürlich noch nicht so einschätzen konnte, und
großem Geschimpfe ihrer Tante hinterher und konnte es auch wieder einfangen.
Alle waren natürlich froh, denn so war wieder das Essen für das nächste Jahr gesichert.