Kindheit Teil 3 - Das Schlachten

Wir arbeiteten nur nach Feierabend, das heißt erst neben der Schule, dann neben der Lehre und der
regulären Arbeit, und das war kein Zuckerschlecken.
Abends noch 2, teilweise 3 Schweine schlachten, die vom Tag vorher noch zerlegen, oder aber auch noch
wursten. Einmal kamen wir um Mitternacht bei „Schiedel“ Heinz in Neuenhuntorf zum Zerlegen, der wollte
gerne am nächsten Tag wursten.
Manchmal zerlegten wir auch schon ein Schwein vor der Arbeit, damit die Leute Wursten konnten.
Ja, ja, das war schon manchmal hart.
Die meisten Kunden wursteten zu der Zeit noch selbst, aber wir wurden immer mehr damit beauftragt.
Die Tätigkeit des Hausschlachtens war nicht gerade Gesund. Von unten bekam man den Wasserdampf und
von oben die Nässe und die Kälte, das ging ganz schön auf die Knochen. Das mein Vater das über 40 Jahre
lang gemacht hat bewundere ich noch heute.
Einen Spruch zwischendurch:
Wenn der Schlachter kommt ums Eck, wird’s Zeit für ein sicheres Versteck!!!
Wir schlachteten alle 2 Stunden ein Schwein mit Zwischenfahrten, die Rinder wurden Samstags
geschlachtet, denn das dauerte etwas länger, ca. 3-4Std.
Unsere Mutter Marie war während der Saison damit beschäftigt die Termine anzunehmen und zu
koordinieren, damit unsere Wege, wenn eben möglich, relativ nahe beieinander lagen.
Das war eine schöne Beschäftigung für sie. So hatte sie immer neuen, oder auch bekannten Kontakt, neue
Geschichten und manchmal gab es auch einen Kaffee, denn die Leute kamen selbst um das Schlachten zu
bestellen, telefonische Bestellungen gab es noch nicht
Das Schlachten selbst war immer eine Begebenheit und es wurde auch immer ein Grog (manchmal auch
mehr) dabei getrunken. Oft kamen Nachbarn oder Freunde zum helfen, beziehungsweise zum festhalten.
In unserer Region wurden die Schweine nämlich auf dem umgedrehten Trog gebunden, betäubt und
geschlachtet, und das war meist ein ziemlicher Kraftakt.
Anschließend wurden sie in den Trog gelegt und gebrüht, so hielt man das Schwein warm und sparte
Wasser.
Es war eine ziemlich harte, aber auch interessante Arbeit. Man lernte viele Leute und Haushalte kennen.
Die meisten waren wirklich nett und gut, aber wenige waren doch ziemlich daneben und die Haushalte
ebenso.
Ich könnte natürlich von so vielen erzählen, aber das würde wohl den Rahmen sprengen.
Geschlachtet wurde bei jedem Wind und Wetter, Regen, Eis und Schnee, meistens draußen in einer
geschützten Ecke, und das machte manchmal keinen Spaß mehr.
Bei Röfer in Warfleth sollten wir bei extremen Wetter draußen Schlachten obwohl es eine Waschküche gab.
Da habe ich gestreikt, und mein Vater der in dieser Beziehung kaum etwas sagte, hat mich unterstützt und
gedroht das Schwein einfach liegen zu lassen, und somit „durften“ wir rein.
Wenn Tante Röfer oder die jungen Leute zu Haus gewesen wären hätte keiner was gesagt.
Einmal schlachteten wir wieder bei Fritz und Maria Martin, Fritz war Bahnwärter in Bettingbühren. Er half
aber auch sehr viel bei den Bauern im Umland, Maria half beim Melken bei Essmann. Sie wohnten mit
ihren Kindern in dem Bahnwärterhaus, sie waren sehr nett und hilfsbereit.
Naja, nun geht’s ans schlachten, es war alles wie immer gut vorbereitet, aber auch der Grog war ständig
heiß und gut vorbereitet und so gab es auch einige mehr als uns gut tat. So mussten wir nach der
Schlachtung zu Fuß nach Hause (war ja nicht weit) und das Auto am nächsten Morgen wieder abholen.
Beim darauf folgenden Wurst machen gab es zwar nicht so viel Grog, wäre auch fatal gewesen, aber dafür
sehr hart gebratene Koteletts, an denen sich mein Vater dann auch zum Gespött aller Leute, prompt einen
Zahn ausbiss.
Er hatte zu der Zeit schlechte Zähne, die er dann im darauf folgenden Sommer auch erneuern ließ.

Das größte Schwein, welches mein Vater, natürlich auch ich, je geschlachtet hat, war ein kastrierter Eber
(ca.400Kg) bei Anni und Johann Bröcker in Huntebrück, im Übrigen sehr liebe Leute.
Das war, glaube ich 1971, als ich schon nicht mehr regelmäßig mitging.
Mein Vater fragte ob ich Ihn nicht unterstützen könne, natürlich tat ich das.
Wir fuhren also hin, und da sah ich die Bescherung, der Hauer (man sagt zu einem kastrieren Eber auch
Hauer) lag im Stall und 3 Läuferschweine lagen der Länge nach daneben, auweia, als er aufstand und wir
ihn aus dem Stall holten, war der Schreck noch größer, er ging mir bis zur Hüfte, ich bin 1,82m groß.
Dann aber kam das Professionelle!
Johann führte das Schwein ruhig nach vorne vor die Tenne, es war an der Bundesstraße B212 zwischen der
Hubbrücke und Elsfleth, und wir banden die Hinterbeine an die Türhänge fest.
Mein Vater betäubte das Schwein Präzise und Professionell, dann ging alles sehr schnell, das Schwein
umwerfen, stechen war eins, und es klappte super gut.
Fürs Abbrühen benötigten wir doppelt so viel Wasser wie bei normalen (ca.100Kg) Schweinen. Als wir
dann das Schwein aufgehängt hatten, war es genau so groß wie ein Rind.
Wir machten dann auch die Wurst, das dauerte doppelt solange wie normal und es waren richtig Mengen,
den Schinken konnte ich gerade die Kellertreppe herunter tragen und die Kottlets waren so groß wie zwei
Essteller.
Aber dieses Fleisch ergab natürlich die beste Wurst.
Für dieses Wurstmachen liehen wir uns vom Bauer Addicks, auch in Huntebrück, eine elektrische
Wurstmaschine, das war sehr hilfreich, ich glaube sonst würden wir heute noch drehen.
Mit Anni und Johann machte das Arbeiten immer Spaß, Anni war immer sehr lustig. Zu ihrem ersten
Bauernhof auf dem Elsflether Sande mussten wir sogar mit dem Ruderboot fahren, wo Fidi Siebje uns dann
rüber ruderte, denn da gab es noch keinen Damm vom Ort zum Sande.
Einmal machten wir Wurst bei Hans Suhr in Neuenhuntorf, einem Viehhändler und Kleinbauern, ich war
gerade beim Mettwurstbrät kneten, als mir eine Handvoll Kaffeebohnen um die Ohren flogen und ins Mett
vielen, Tante Suhr wollte nämlich Kaffee kochen und musste hierfür natürlich auch Kaffee mahlen, und
hierbei ist ihr der Deckel von der elektrischen Kaffeemühle gefallen.
Aber die Bohnen haben der Wurst nicht geschadet wie wir im nächsten Jahr erfahren haben.
Sohn Dirk und ich waren zeitweise Weggefährten, wir drückten gemeinsam die Schulbank während des
9.Schuljahres und ritten zusammen beim „Sturmvogel Berne“. Zu der Zeit fuhr ich einmal die gleich nach
der Schule mit dem Fahrrad zu Hermann Wardenburg, später dann zu Gerd Wiechmann nach Neuenhuntof,
machte das Pferd fertig, wir ritten dann gemeinsam nach Berne in die Reithalle, nach der Reitstunde ritten
wir wieder zurück, machten dann Pferdepflege und ich fuhr dann mit dem Fahrrad zurück.
Das waren 12Km mit dem Fahrrad und 12 Km mit dem Pferd, und das hauptsächlich im Winter, aber da wir
es nicht anders kannten, war es normal, aber wir taten es ja gerne für unseren Sport, den ich mit dem
Voltigieren begann, und anschließend, mit 10Jahren, auf ein Großpferd von Essmanns weiter machte.
Wir waren als jugendliche Reiter auch ganz erfolgreich.
Aber wie das im Leben so kommt, die Lehre kam, das Schlachten war da, denn der Reitertag war der
einzige im Winter an dem ich nicht Schlachten brauchte, dann kamen andere Interessen, dann wurde
geheiratet, das Geld war knapp, und so weiter, und so wurde das Reiten erst einmal aufgegeben.
Bis zu meiner Freude die Kinder anfingen und ich mit meiner Jugendliebe weiter machen konnte, und ich
dann auch noch lange Zeit als Hobbyreiter aktiv war.
Hans Suhr prägte auch einen Spruch, er trieb mal mit seiner Frau die Kühe von einer Weide zur anderen, als
Ihn ein Nachbar fragte: „Na Hans drifst du de Keu um“ er antwortete: „Joo, seben Keu und ene Zech
(Ziege), er meinte seine Frau.
Z. Zt. als ich noch im 8.Schuljahr war, schlachteten wir bei der Familie Willi Lukowski in Warfleth, er hatte
eine hübsche, blonde Tochter meines Alters, so machte die Arbeit doppelt Spaß.
Im April kam ich dann ja ins 9.Schuljahr, und hier wurde eine Gerichtsbeiwohnung organisiert. Also fuhren wir, aus der Jungenklasse, nach Brake um einer Gerichtsverhandlung beizuwohnen, und was
glauben sie wer da vor dem Richter erschien, Willi Lukowski, er mochte gar nicht hoch sehen, denn die
Warflether Jungens kannten ihn ja auch.
Er stand wegen Diebstahl von Treibholz vor Gericht und wurde auch verurteilt.
Die Tochter ging dann in die Lehre nach Blumenthal und ich habe sie nicht wieder gesehen.
Ein Abenteuer war auch einmal das Schlachten bei Jan Buckmann auf dem Wehrder.
Mein Vater war krank, und somit fuhren Manfred und ich hin, das muss ca. 1966 gewesen sein.
Der Helfer beim Schlachten war der Bruder Magnus Buckmann, schon etwas älter und vorsichtig gesagt,
ziemlich Welt unerfahren.
Mein Bruder Manfred hatte damals eines von diesen japanischen Transitor- Radios, etwas größer als eine
Streichholzschachtel, mit und damit fing das Abenteuer an.
Magnus konnte und konnte es nicht verstehen, dass hier Musik raus kommt, und Manfred, der ja sowieso
gut erzählen konnte, fing auch noch an seine Seefahrer Geschichten zu erzählen.
Das Ende vom Lied war: ich musste das Wasser selbst holen und auch dafür sorgen das es nachgefüllt
wurde.
Fazit: Wir brauchten fast die doppelte Zeit und ich war ziemlich sauer. Ich glaube Grog gab es auch keinen.
Bei dem anderen Bruder, Bernd Buckmann am Schlüterdeich, habe ich selbst erlebt, wie die Familie mit
Sohn Benno im Mantel auf dem Ofen in der Küche saß um Brennholz zu sparen. Das Licht im Kuhstall war
so dunkel, das ich den Sohn Benno beim Melken nicht erkennen, sondern nur das Melken hören konnte.
Hier lief das Zubringen auch nicht viel schneller ab, aber da war mein Vater ziemlich konsequent und
mahnte zur Eile.
Eine Abenteuerreise war es auch zu Hermann Steenken, der von Bettingbühren nach Colmar ins Moor
umsiedelte.
Es war bei ziemlich schlechtem Wetter, wir mussten uns von der Straße aus ca. 1Km durch den nassen
Moorweg kämpfen, aber für die beiden lieben Leute haben wir es gerne gemacht.