Geschichten rund um Bremen

Hier nun einige Begebenheiten und Geschichten rund um Bremen.

Bremen - Walle

Schwien Cordes
Schlachten in Bremen - Walle
Von Kurt Nadler
Weserkurier
Ausgabe 686- 13. Jahrgang
Zitiert im September 2010
Wer kennt Jolante, unser grunzendes Schwein, sofort fallen mir da diese Verse ein:
„Das Schreiben und das lesen ist nie mein Fach gewesen.
Denn schon von Kindesbeinen befass ich mich mit Schweinen!
Mein idealer Lebenszweck ist Borstenvieh und Schweinespeck.“
Verbunden mit diesem Vers möchte ich mein Schweinglück beginnen.
Wer kann sich heute noch an den Schweinehändler „Cordes“ entsinnen?
Sicher gibt es Waller Bürger die „IHN“ haben noch gut gekannt, im Dorfmund wurde „er“ oft „Schieter“
oder „Schwien Cordes“ genannt.
„Er“ wohnte in der Dünenstraße im alten, kleinen Willers Haus, dort ging das große Schweineglück für
„Hermann Cordes“ ein und aus. Viele Waller, auch meine Eltern kauften im zeitigen Frühjahr von
„Schwien Cordes“ zwei litsche Farken, wie es in Walle gang und gebe war!
Denn zwei litsche Farken im Stall zu haben, ist immer besser, sie leeren schneller den Trog, sind ewig
hungrige Futterfresser!
Die Waller HeerstraßeIch weiß es noch sehr gut, wie wir
als Kinder, ohne zu verzagen,
mit dem Vater holten die zwei
Farken im kleinen Kastenwagen.
Beim Kauf wurde gefeilscht über
den Zahlungsbetrag, nach langem
Verhandeln einigte man sich zum
Preis, per Handschlag!
Auch weiß ich noch, wie im
Sommer auf der Gartenbank vor
seinem Hause, „Schwien Cordes“
saß, rauchte aus seiner langen
Pfeife, in der Abendpause!  

Foto: Die Waller Heerstraße. Rechts auf halber Höhe der Ferkelstall von Hermann Cordes (zu unserem Gedicht, das Kurt Nadler geschrieben hat).
Stets hatte „er“ den Spazierstock geklemmt zwischen den Beinen, den Kopf leicht gestützt, träumte ermüdet von seinen Schweinen! Oft sah „Schwien Cordes“ an der Chaussee dem Treiben der Menschen zu, grüßte jeden freundlich, im Klönschnack sagte „er“ gern einmal: „Du!“.
All diese Erinnerungen an „Schwien Cordes“ liegen Jahre zurück, ich hoffe dass dieses Gedicht euch bringen wird das große Schweinglück!
Ich wünsche all meinen Freunden, all meiner Leserschar, ein friedliches Weihnachtsfest und viel Schweinglück im neuen Jahr!
„Schwien Cordes“ ist ein Idol, ist ein Stück der alten Waller Geschichte, habe diese Erinnerung festgehalten mit diesem schönen Gedichte.

Jan Heiß, unser Hausschlachter

Schlachten in Bremen- Walle
Von Kurt Nadler
Weserkurier
Zitiert im September 2010
Für mich ist es das schönste Geschenk,
Wenn ich an mein liebes Walle denk!
Die Erinnerung lässt mich immer wieder Träumen, von den schönen Strohdachhäusern unter Bäumen! Sehe
noch die Menschen von damals, im ergrauten Haar, sehe noch das Dorf, so wie es einmal früher war! Einen
Menschen jedoch, den kannten die Einwohner alle, „Johann Hartjes“ unseren Hausschlachter in Walle!
Im Volksmund wurde er auch „Jan Heiß“ genannt, seine gute Hausschlachtung war im Dorfe bekannt!
Beliebt war seine Sülze, eine gute Bregenwurst, nie durfte fehlen der Seelenwärmer für den Durst!
Ich sehe ihn mit seinen langen stiefeln und kurzen Beinen, heute noch zur Hausschlachtung bei uns auf dem
Hofe erscheinen!
Schon am frühen Morgen lief von seiner Stirn der Schweiß, sein erstes Wort war stets: „Ist das Wasser im
Kessel heiß“!
Ja, Jan, das Wasser kocht und dampft, siehst du es nicht?
Deine Arbeit kann beginnen, erfülle deine Pflicht!
Als Kinder freuten wir uns, hatten stets frohe Mienen, heute am Schlachttag gab es Blutbeutelwurst mit
Rosinen!
Mit diesem Wunsch waren wir Kinder immer gut beraten, in dicken Scheiben wurde die Wurst in der
Pfanne gebraten!
Auch das frische Hackepeter zum Frühstück möchte ich nicht vergessen, wir Kinder haben stets artig und
brav am runden Tisch gesessen!
Bekannt war seine Blasensülze, das Beste, was es je gab, dieses Rezeptgeheimnis nahm er wohlbehütet mit
ins Grab!
Erzählen möchte ich noch eine wahre Begebenheit, von „Jan Heiß“ aus seiner früheren Schlachtertätigkeit!
Bei der Tötung des Schweins gab’s ein Quitschen, ein Geschrei, wie der Zufall es so will, geht grad
Gendarm „Beyer“ vorbei!
Dieser hört das laute Schreien, drum hat er „Jan Heiß“ angesprochen, fragt: „Hast du das Tier vorher
betäubt oder abgestochen“!
Ja, sagt „Jan Heiß“ betäubt habe ich es mit meiner Mütze, siehst du denn die Blutlache und die nasse
Pfütze“?
Der Gendarm „Beyer“ wollte es nicht recht glauben, doch er lacht und meint „Jan Heiß“ hat die
Schlachtung wohl richtig gemacht!
Erinnern an „Jan Heiß“ können sich nur noch wenige Leute, „Jan Heiß“ ist ein Idol, gehört zur alten Waller
Geschichte,ich habe die Erinnerung festgehalten mit diesem Gedichte.
Der eine oder andere ältere Waller Bürger wird sich vielleicht noch an den Schlachter
„Jan Heiß“ in der Mitte des Bildes erinnern.
Mit einem Humor vollem Gedicht „erinnert“ sich hier in unserer Wochenblattausgabe Kurt Nadler an ihn.
Kurt Nadler teilt uns einen Wunsch mit, den wir hier natürlich auch in Gedichtform gerne weitergeben.

Schlachter Jan Heiß aus Bremen-WalleSo stand es in der Zeitung geschrieben:
Liebe Leser!
Wer noch Bilder hat vom alten Walle, lässt von sich hören, ich sammle sie alle!
Das alte liebe Walle ist unser aller Glück, die schönen Bilder kommen dann wieder zurück!

Noch eine Geschichte.
Autor unbekannt (wahrscheinlich Kurt Nadler)
Zitiert im September 2010
Unser Hausschlachter hieß „Johann Harjes“, im Dorfmunde nannten sie ihn „Jan Heiß“.
Er wohnte in der Travemünder Straße.
Wir Kinder passten auf der Straße schon auf, sahen ihn von weitem kommen mit seinen Gummistiefeln,
seinen geknickten Beinen, seinem Koppelriemen, an dem das Köcherhorn hing und seiner gestreiften
Schlachterjacke.
Kaum war „Jan Heiß“ bei uns angelangt, trank er einen kräftigen Seelenwärmer zur Begrüßung!
Der Schluck durfte eben nicht fehlen, sollte die Schlachtung gut gelingen.
Erst dann ging er an die Arbeit.
Das unruhige Schwein, als ahnte es sein Lebensende, schrie, daß es in der ganzen Nachbarschaft zu hören
war. Es wurde an den Beinen mit starken Tauen gefesselt und angebunden.
Mit einem schweren Holzhammer bekam es gezielte, kräftige Schläge gegen die Stirn.
Sofort nach dem Umfallen wurde das betäubte Tier mit dem Stechmesser abgestochen.
In bereit stehende Eimer füllte man das auslaufende Blut.
Nach dem Aufschlitzen der Bauchpartie, der Reinwaschung und der Haarfellrasur band man das
geschlachtete Schwein mit den Füßen an der Sprossenleiter fest.
Somit war die Arbeit für „Jan Heiß“ vorerst abgeschlossen.
Zum Abend mußte der Trichienenbeschauer Heinrich Hein, ebenfalls aus der Travemünder Straße,
kommen.
Er schnitt kleine Fleischstücke vom Schwein heraus und untersuchte mit seinem Mikroskop, ob das Tier
auch trichienenfrei war.
Zur Freude aller war das Fleisch gesund!
Am nächsten Tag, Glock vier in der Frühe war „Jan Heiß“ zum zerschneiden der Fleischstücke wieder da.
Sein erstes Wort war: „Ist das Wasser im Waschkessel heiß?“ (Daher sein Name).
Ich durfte als Kind auch mal den Fleischwolf drehen und zum Frühstück Hackepeter essen!
Aber nie fehlte der Seelenwärmer, je mehr Seelenwärmer, desto besser wurde die Wurst bei „Jan Heiß“.
Nach der Schlachtung freuten wir Kinder uns riesig auf die Beutelwurst mit Rosinen, die in großen
Scheiben in der Pfanne gebraten wurde.
Am Abend des Schlachttages brachten wir Kinder Fleischbrühe in kleinen Blechkannen zu den Nachbarn
und Bekannten.
Sie sollten wissen, daß wir heute geschlachtet hatten und daran teilhaben.
Eines möchte ich erwähnen:
Die Kopfsülze, die „Jan Heiß“ machte, war einmalig!
Das Rezept blieb sein Geheimnis, das er mit ins Grab genommen hat.

Schlachten in Bremen- Gröpelingen

unbekanntes Foto Bremen-Gröpelingen

Leider ist nicht bekannt wo dieses Foto aufgenommen wurde und wer die Personen auf dem Foto sind.

Schlachten in Bremen- Schwachhausen

Zitiert im September 2010
Der Hausschlachter Gartelmann
Wenn die Hausschlachtezeit war, kam der Schlachter Gartelmann erst früh morgens heim.
Er hatte die ganze Nacht Wurst gemacht.
An einem Ledergurt hingen an der Scheide zwei große Schlachtermesser.
Er hatte so viel zu tun, dass jeder alles bereit haben musste wenn er kam.
Wehe dem Bauern, wo das nicht der Fall war, etwa das Wasser nicht heiß war.
Dann lief er einfach weg, ging zum nächsten Bauern, der ja auch auf ihn wartete.
Er konnte es sich erlauben, war er doch d e r Hausschlachter, und niemand konnte solch gute Wurst
machen.
Hatte er die Wurst abgeschmeckt, nahm er einen Finger voll Wurstbrei und hielt ihn der
Bäuerin hin, sie musste auch probieren und ihr Urteil abgeben.
Nicht nur bei den Bauern schlachtete er, auch bei den übrigen Dorfbewohnern.
Er hat auch bei uns geschlachtet, bei dem Lehrer des Dorfes.
Ich weiß noch gut, wie das ganze Haus nach der Wurstkocherei roch, und wie wir am Morgen
Rosinenblutwurst aßen und Vater sich gütlich tat am Buckspeck.
Unsere kleine Mutter die dies alles von zu Hause nicht kannte, griff aufgeregt und emsig zu.
Vorder- und Hinterschinken, Speckseiten wurden mit Salz in die Holzwanne gelegt und nachher zum
Räuchern gebracht.
Ja – das Schlachtfest- da war Gartelmann wie’n König.
An Sommerabenden saß er auf der Bank vor seinem Häuschen.
So trifft ihn der Maler Spilter, der ihn gleich unter seinen Pinsel nimmt.
Und der Maler Spilter denkt: Da sitzt der Gartelmann so ganz allein auf der Bank, ich will ihm eine
Gefährtin machen, wie einst der liebe Gott dem Adam, und er malt eine Frau aus der Nachbarschaft und
setzt sie auf dem Bilde neben Gartelmann auf die Bank.
Dann stellt er das Bild bei Leuwer aus.
Das gab nun ein Hallo bei den Schwachhausern und bei dem Schlachter Gartelmann
Und die Schwachhauser rannten zur Stadtguckten
sich das Bild an und wollten sich ausschütteln vor Lachen.
Ich habe die Photographie gesehen aber ohne die Gefährtin.
Kürzlich sprach ich mit dem Urenkel dieses Hausschlachters.
Er ist auch Schlachter und so ist das Schlachterhandwerk schon in der vierten Generation.

Schlachten in Bremen- Neustadt

Zitiert im September 2010
Schlachten in Bremen Neustadt, aus dem Archiv von Erika Streuer
Schlachtfest 1937 / 1938
Im Winter war Schlachtfest
Schlachten in Bremen-NeustadtEin Tag der einige Vorbereitungen erforderte.
Meine Mutter hatte eine lange Liste, damit nichts vergessen wurde.
Erstens, das Einkaufen:
Wichtig, reichlich Salz zu pökeln,
Pfefferkörner schwarz und weiß, auch gemahlener Pfeffer,
Piment für die Blutwurst,
Thymian für die Leberwurst,
Hafergrütze für Knipp und Pinkel,
Roggenmehl für die Beutelwurst und Nessel für die Beutel,
Bindegarn und den „Korn“.
Die Vorbereitungen:
Dosen zum Abschneiden bringen und den Termin zum Zumachen
festlegen,
Deckel mitbringen, sind die Ringe für die Weckgläser in Ordnung?
Den Waschkessel, die Wanne zum Wurstmachen,
und die Pökelwanne schrubben,
Die Schüssel zum Blut auffangen bereitstellen,
die Nesselbeutel nähen,
und viel Zwiebeln schneiden.
Ich glaube so sah der Zettel aus.
Vater sorgte für die große Balge zum Abbrühen,
für die Leiter, den Seilzug und Schwengel,
für den großen Fleischwolf.
Alle Nachbarn halfen sich gegenseitig.
Der Schlachttag:
Der Schlachter kam früh, bei Tagesanbruch.
Die Nachbarn stellten sich als Helfer ein,
im großen Waschkessel kochte das Wasser.
Das Schwein wurde aus dem Stall geholt, der Schlachter schoss vor den Kopf, das Tier war sofort tot.
Gemeinsam hievten alle das Tier auf die Leiter, die über einer großen Holzwanne lag.
Erst wurde das Blut aufgefangen und kräftig gerührt.
Die Nachbarn kamen schon mit dem heißen Wasser, übergossen das Schwein und die Borsten wurden
abgekratzt bis das Tier ganz blank war.
Mit dem Schwengel und dem Flaschenzug wurde es aufgehängt und vom Schlachte aufgeschnitten.
Die Innereien kamen in eine Wanne, die Därme wurden gesäubert, die Flomen nach außen geklappt, so
konnte das Tier auskühlen.
Das Fleisch für die Wurst und die Innereien kamen in den Kessel und mussten eine gute Stunde kochen.
Nun konnte gefrühstückt werden.
Inzwischen kam der Fleischbeschauer, ist alles in Ordnung, bekam das Tier einen Stempel.
Nun konnte es weitegehen.
Beim zerteilen bestimmte meine Mutter was zum Pökeln kam, die Schinken und die Speckseiten, was sie
braten und einkochen wollte und was in die Mettwurst sollte.
Danach ging es ans Wurstmachen:
Erst die Mettwurst, das Fleisch musste durch den großen Fleischwolf gedreht werden, per Hand.
Dann die Leberwurst und die Blutwurst, ein kleiner Teil mit Roggenmehl gemischt wird zu Beutelwurst
verarbeitet (in Scheiben gebraten zu Kartoffel, schmeckt prima).
Dann noch die Sülze und die „Pinkel“ für den Braunen Kohl.
Zum Schluss wird aus Wurstresten, durchgedrehten Schwarten und gekochter Hafergrütze Knipp gemacht.

Schlachtfest Bremen-NeustadtDie Würste kommen zum Kochen in den Kessel.
Mettwürste zum Trocknen aufgehängt,
Schinken und Speckseiten werden
eingesalzen.
Alles ist verarbeitet.
Nun gibt es Abendessen, Mett und
Bauchspeck wird probiert,
Fleischbrühe wird zu den Nachbarn
getragen.
Das ganze Haus riecht nach Schlachten!
Am nächsten Tag gibt es noch viel
Arbeit.
Fleisch muss aufgeteilt, teilweise
gebraten, und auf Gläser verteilt
werden.
Die Gläser dann zukochen.
Mit den gefüllten Dosen zum
Klempner gehen. Erst stanzte er
Buchstaben in den Deckel,
z.B. L für Leberwurst, B für Blutwurst usw.
mit einer handbedienten Maschine werden die Dosen verschlossen.
Dann müssen die Dosen 2 Stunden kochen.
Die trockenen Würste werden zum Räuchern gebracht.
Schinken und Speck werden später geräuchert.
Das Schlachtfest ist zu Ende.
Nun warten wir auf den ersten „Kuckucksruf“ dann wird die „Schlacke“, (die große Mettwurst)
und der Schinken angeschnitten

Schlachten in Bremen- Huchting

Weserkurier 15.Mai 2008
Von Peter Koppo
Zitiert im September 2010
Vor mehr als 70 Jahren hat Huchting noch ein geruhsames, dörfliches Bild.
Das Zentrum des Dorfes in Höhe der Kirche wurde damals beherrscht von zwei riesigen Silberpappeln. An
der Stelle, wo viele Jahre die Victoria- Apotheke stand
(ganz in der Nähe des Huchtinger Kreisels), befand sich ein altes, strohgedecktes Bauernhaus.
Dort wohnte Metta „Tante Met“ Schröder, die im ganzen Stadtteil bekannt und beliebt war.
Letzeres galt auch für ein weiteres Huchtinger Urgestein: „Büdelwuss“ Gerhard Garbade von der
Oberviehlander Straße.
Er sorgte dafür, dass Tante Met ihr Haus immer voll hatte.
Hausschlachtung, das war über Jahrhunderte hinweg ein winterlicher Höhepunkt in fast jedem Haushalt in
Huchting. Heute ist diese Art der Nahrungsaufbereitung so gut wie ausgestorben.
Die Häuser des Stadtteils waren von vornherein so gebaut worden, dass sich hinten ein kleiner Stall befand,
in dem ein oder zwei Schweine Platz fanden.
Mindestens ein Jahr durfte das Schwein Fett ansetzen, dann ging es ihm an den Kragen.
Der gebürtige Huchtinger Heinz Burdorf erinnert sich „Bis Anfang der 50er Jahre hörte man im Dorf fast
täglich ein Schwein um sein Leben schreien“.
Wurst mit Rosinen
Der dazu meistens hinzugezogene Hausschlachter Gerd Garbade, genannt „Büdelwuss“ war
außerordentlich beliebt, denn die Wurst die er fabrizierte, war sehr schmackhaft.
Gerd Garbade mit Sohn HeinleinEine seiner besonderen Spezialitäten war die mit
Rosinen vermischte Beutelwurst- wohl auch
daher rührt vermutlich der Name „Büdelwuss“.
Für die Kinder war es stets ein Erlebnis, wenn
er mit seinem Sohn „Heinlein“ zum Schlachten
kam.
Auf manche machte er allerdings einen
furchterregenden Eindruck, denn mit seinem
gesamten Werkzeug am Gürtel bot er tatsächlich
das Bild eines Schlächters.
Da hingen nicht nur scharfe Messer im Köcher,
sondern anfänglich auch ein Vorschlaghammer,
der später durch ein Bolzenschussgerät abgelöst
wurde.
Er war noch nicht ganz auf dem Hof, dann rief
er schon von weitem:
„Is dat Water het, uni s de Korn all klar?“
Den konnte er wohl auch gebrauchen,
denn geschlachtet wurde ja bekanntlich immer
im Winter und meistens nur im Freien.
Die Kinder krochen in die entfernteste Ecke des Hauses, wenn das Schwein mit dem Strick um die Vorderbeine unter lautem Gebrüll aus dem Stall getrieben wurde.

Hier stellten sich Gerd Garbade, in Volksmund: „Büdelwuss“ und sein Sohn „Heinlein“ dem Fotografen. Sie sind gerade dabei, das im Trog liegende Schwein mit dem Schrapphorn von den Borsten zu befreien.

Zeitzeugen wissen zu berichten, dass die Tötungsaktion oft genug einer regelrechten Hinrichtung gleich
kam.
Denn nicht immer gelang die Betäubung des Tieres schon mit dem ersten Schlag.
Der Huchtinger Gymnasiallehrer Heinz Segelken von der Hermannsburg berichtete zu diesem Thema in
seiner Familienchronik: „Zu Beginn eines jeden Jahres kauften wir uns ein junge Schwein und brachten es
in einem Verschlag im Stall unter.
Das Ferkel wuchs schnell heran. Es war zahm wie ein Hund.
Während des Mästens war das Messen des Umfangs mit einem Zentimetermaß sowohl für das Schwein als
auch für mich ein echtes Vergnügen, das nach einer Formel in ein Mehr an Kilogramm Körpergewicht
umgerechnet wurde. Wenn dann die Zeit des Schlachtens kam, war ich nicht in der Lage zuzusehen, sosehr
war mir das Borstenvieh ans Herz gewachsen.
Nach der Betäubung des Schweins erfolgte der Schnitt in die Kehle und durch die Drossel.
Er war durchweg Aufgabe der Frau des Hauses, das herausfließende Blut aufzufangen und zu rühren, um
den Gerinnungsprozess zu verhindern.
Es wurde später für die Blutwurst gebraucht.
Schrapphorn im Einsatz.
Anschließend wurde das tote Tier in einen Trog gelegt. Der Schweineleib wurde mit heißem Wasser
übergossen, das schon Stunden zuvor im großen Waschkessel erhitzt worden war.
Von der weich gewordenen Haut wurden dann die Borsten mit einem Schrapphorn, einer scharfen runden
Metallschelle abgeschabt.
Anschließend wurde das Schwein auf eine Leiter gebunden und geöffnet. Viele Meter Darm waren
aufzufangen und gründlich zu reinigen. Er fand als Wurstpelle Verwendung, ebenso wie die Blase, in die
später Sülze, Blut-, oder Leberwurst gefüllt wurden. Nichts ging verloren:
Selbst die Ohren und Pfoten des Tieres konnten noch für eine deftige Erbsensuppe aufbereitet werden.
Nach der Entnahme sämtlicher Innereien blieb das Schwein über Nacht zum Abkühlen auf der Leiter.
Zuvor hatte es sich aber der Überprüfung durch den Fleischbeschauer zu unterziehen.
In Huchting fiel diese Aufgabe unter anderem dem Tierarzt Jacob zu, der dem Fleisch einen Stempel
aufdrückte, wenn denn alles in Ordnung war. Jedoch nicht, ohne ein ordentliches Stück Fleisch für eine
weitergehende gründliche Untersuchung entnommen zu haben.
Damit war der erste Tag der Hausschlachtung vorüber.
Der folgende Tag war dem Wurstmachen, also der Weiterverarbeitung des Schweins vorbehalten.
Dann kam der Hausschlachter Gerd Garbade zum Wurstmachen noch mal ins Haus.
Das Fleisch und etliche Innereien wurden zur Wurstverarbeitung zerschnitten und gewürzt.
Der Schlachter verließ sich dabei auf seine Geschmackserfahrung.
Pökelsalz, Piment, Muskatnuss und Zucker kamen als Gewürze ans Fleisch.
Dann wurde alles durch den Fleischwolf gedreht, heraus kam „Gehacktes“.
Diese Masse wurde tüchtig durchgemengt und nochmals abgeschmeckt, bevor sie in die Därme eingefüllt
wurde.
Für Sülze, Leber-, und Blutwurst verwendeten die Schlachter die Schweinsblase als „Pelle“.
Zuvor waren vom Hinterteil des Schweines ein oder zwei Schinken abgeschnitten worden, in eine Salzlake
gelegt, nach vier Wochen getrocknet und zum Räuchern gebracht.
Zur Konservierung wurden aber auch Dosen und Weckgläser mit Wurst, Knipp, Schmalz und gekochtem
Fleisch gefüllt.
Die Nachbarn bekamen einen Eimer mit Boullion und die die mitgeholfen hatten, Grützwurst dazu.
In der Nachbarschaft wurde reihum geschlachtet, sodass des Öfteren mal Abwechslung in den Speiseplan
kam.
Trotz häufiger Inanspruchnahme durch viele Huchtinger fand Schlachter Gerd Garbade hin und wieder Zeit
an den Huchtinger Veranstaltungen teilzunehmen.
Johann Heinrich Behrens, Huchtinger Geschäftsmann und Vorsitzender des TUS Huchting, erinnert sich
daran, bei einem Vereinsball in einer gemütlichen Runde in der Gaststätte gesessen zu haben bis einer
sagte: „Büdelwuss wie heft Hunger, gah mal hen und hal mal ne Mettwuss“.
Der machte jeden Spaß mit, ließ es sich nicht zweimal sagen, und so dauerte es nicht lange bis er aus
seinem Haus mit einer langen Mettwurst wiederkam. Diese wurde dann zerschnitten und gemeinschaftlich
verzehrt, mit den dazugehörigen Runden „Körnern“ zwecks besserer Verdauung.
„Büdelwuss“ galt im Ort nicht nur als Spaßvogel, sondern auch als gutherziger und ehrbarer Mensch von
altem Schrot und Korn.

In dieser Beziehung und auch beruflich passte er zu „Tante Met“ einem anderen Huchtinger Original.
Die Huchtinger Hausschlachter, von denen es neben Gerd Garbade noch andere gab, sorgten dafür, dass
Metta Schröder, genannt „Tante Met“ ihr Haus immer voll hatte in.
Hobby Historiker Johann Heinrich Behrens beschrieb diese Metta Schröder wie folgt:
Die „Nettendör“ (das war die große zweigeteilte Eingangstür) ihres Hauses, stand immer einladend offen.
Nicht weil sie immer Besuch erwartete, die offene Tür hatte einen bestimmten Grund.
Wenn man bei Tante Met in das Halbdunkel der welligen Lehmdiele trat, dann drang dem Besucher ein
starker Torfrauch von der offenen Herdstelle entgegen.
Ja, das ganze Haus schien von diesem Rauch angefüllt zu sein.
Aber das gehörte sozusagen zu ihrem Geschäft, denn viele Leute brachten Tante Met ihr hausgeschlachtetes
zum Räuchern.
Da hingen unterm „Wiem“ (das waren die Dachbalken über der Diele) die vielen Seiten Speck und
Schinken, und die unzähligen Beutel-, Mett-; und Leberwürste.
Metta hatte so um die 50bis 60 Kunden und täglich alle Hände voll zu tun, Speck und Schinken und auch
die Würste in gewissen Zeitabständen umzuhängen.
Dabei hatte sie auch darauf zu achten, dass die einzelnen Partien nicht durcheinander kamen.
Sie schaffte das auch ohne Buchführung und Notizen.
Wenn man bedenkt, dass sie zeitweise bis zu 300 „Spielen“ (das waren die Stöcke, an denen die
Fleischstücke hingen) unter den „Wiem“ hängen hatte und jeder Kunde beim Abholen dann auch seine
Sachen zurück erhielt, kann man wohl sagen, dass Tante Met eine verlässliche Frau war.
Soweit Johann Heinrich Behrens mit seiner Beschreibung aus den 60er Jahren.
Den frisch geräucherten Schinken schnitten die Leute traditionsgemäß jedoch erst an wenn man zum ersten
Mal den Kuckuck hörte.
Wie sehr die Hausschlachtung der Huchtinger Bevölkerung über die Mangeljahre während des Krieges bis
in die Zeit der Währungsreform im Jahre 1945 und auch noch einige Jahre danach hinweghalf, drückte sich
im Stadtteil häufig so aus:
„Wir hatten damals zwei Schweine im Stall, ein rosafarbenes und ein schwarzes“.
Womit beim Letzeren nicht die Farbe des Borstenviehs gemeint war, sondern der Umstand, dass von
amtlicher Seite nur die Haltung eines Schweines erlaubt war.
Eine Regelung an die sich aber kaum jemand hielt.
Es ist kein Fall überliefert, dass deswegen in Huchting jemand angezeigt worden wäre.
Ein Indiz dafür, dass der Zusammenhalt in der Bevölkerung noch gut funktionierte.

Schlachten in Bremen- Lilienthal

Weserkurier 3. März 1985
Von Frau Rene‘ Willenbrink
Zitiert im September 2010
Hausschlachter- ein aussterbender Beruf
Dietrich Geffken zog 60 Jahre mit Axt und Hackbeil über die Höfe
Es ist Sonnabendmorgen halb neun. Die Küche auf dem Geffkenschen Hof ist noch kalt, aber im Herd
knistern schon die Holzscheite.
Von der Spüle her ist ein Glucksen und Schaben zu hören.
Das Blanke Messer in der Hand des 81jährigen Dietrich Geffken blitzt von Zeit zu Zeit unter dem seichten
Wasserstrahl auf. „Pass du up, datt dat Water nich over kaakt?“
Ohne vom Schleifen aufzuschauen, gibt der alte Mann in der blau- weiß gestreiften Schlachterjacke seinem
Sohn einen Wink.
Der geht wortlos in die Waschküche und stellt Eimer und Schüssel zum Blutrühren für draußen zurecht.
Ein kalter Wind pfeift über den kleinen Hof im Timkenweg, den Diedrich Geffken schon sein Leben lang
bewirtschaftet.
Im Winter zieht er dann im „Nebenberuf“ als Hausschlachter über die Höfe.
„Die Kälte gehört zum Schlachten wie das Grunzen zum Schwein. Wegen der Hygiene“.
Als es noch kein Schlechtwettergeld gab, war dieser heute fast ausgestorbene Beruf ein einträglicher
Nebenerwerb für Maurer, Zimmerleute und eben auch für Landwirte.
„Beim Schlachten ist das Gefühl das Wichtigste“, sagt der gebürtige Lilienthaler.
Nach 65jähriger Berufserfahrung weiß er, wovon er redet.
In seinen Holzschuhen mit knielangem Lederschaft, die Schippermütze auf dem Kopf, schlurft Dietrich
Geffken in die Waschküche. Dort kann man wie in einem römischen Dampfbad kaum die Hand vor Augen
erkennen. 100 Liter Wasser brodeln in einem Waschkessel.
Der Schlachter kippt einen Eimer kaltes Wasser hinzu.
„Jetzt müsste das Wasser um die 80 Grad haben. Mit der Temperatur muss das stimmen, sonst lassen sich
die Borsten nicht vom Schweinefell abschaben und wenn es zu heiß ist platzt die Schwarte“.
Jedes Frühjahr kauft Hausschlachter Geffken sich acht Ferkel, die er dann mit Kartoffeln, Gerstenmehl und
Grünzeug mästet.
Bei dieser Methode braucht das Borstenvieh zwar drei Monate länger zum Dick werden,
„aber dann wird das Fleisch auch fester“.
Als Sohn Georg sich mit den beiden Enkeln auf den Weg zum Schweinestall macht, ruft Schlachter Geffken
ihnen nach: „Nimm aber den Dicken, nich!“
Mit sicherem Griff setzt der alte Geffken dann den Bolzen auf die Stirn des Tieren, das tot zusammenbricht.
Mit gekonntem Schnitt schlitzt Geffken die Halsschlagader auf.
Eimerweise kippen der Vater und sein 50jähriger Sohn Georg dann heißes Wasser über das Schwein, das in
einem langen Trog vor ihnen liegt.
Jetzt beginnt das mühselige Abschaben der Borsten.
Die wohlverdiente Pause gibt es erst, als Oma Tine mit dampfenden Groggläsern auf den Hof kommt.
„Grog oder Schluck, dat hört to’n Slachten dor bi.“
Wenn die nötigen Prozente früher nicht rechtzeitig kamen, dann half Dietrich Geffken mit einer kleinen
Bemerkung nach: „De Hoor sind to dröge, de sind nich aftokriegen“.
Das verstanden die Leute.
Neben seinen eigenen Schweinen schlachtet Dietrich Geffken heute auch noch bei etwas zehn bis 15
Stammkunden.

Vor 50 Jahren sah das noch anders aus. „Da musste man ran um sein Auskommen zu haben“,
nickte er vieldeutig. „Dat weer Streß“.

Hausschlachten wie in alten Zeiten: Der 81jährige Dietrich Geffken- rechts mit Sohn Heinohat’s von der Pike auf gelerntHausschlachten wie in alten Zeiten: Der 81jährige Dietrich Geffken- rechts mit Sohn Heinohat’s von der Pike auf gelernt.

Mit fünf Mark pro Schwein musste die Masse das Geld bringen. Nicht selten schlachtete er am Tag
vier Schweine oder auch Rinder.
Auf zwei Höfen musste er oft noch am selben Tag wursten. Zum Schlafen blieben dann gerade noch zwei
Stunden. „Un nix mit’n Auto, mit’Rad güng dat to de Buerlü“. Bepackt mit Axt, Hackbeil, Schrabglock und
Handwolf, fuhr der Hausschlachter noch vor fünf Jahren über die Landstraßen von Borgfeld bis
Worphausen, nicht selten 25 Kilometer am Tag.
Nach einer guten Stunde Arbeit hängen schließlich 300 Pfund Fleisch mit glatter Speckschwarte an der
Leiter.
Die Spannung steigt, als der kritische Moment kommt, wo die beiden die Leiter aufrecht an die Wand
stellen. Aber dieses Mal hat sie gehalten.
„Das hatte ich auch schon mal, das alles zusammenkrachte und im Misthaufen landete“.
„De is over fett“ bemerkte der alte Geffken mit Kennerblick auf die dicken Polster an den Seiten.
Aber das gibt „ne gute Leberwurst“.
Nichts wird weggeschmissen beim Hausschlachten. Die 15m langen Därme werden umgestülpt und als
Wursthülle benutzt. Die Innereien kommen in den Knipp.
Gegen 11Uhr sitzen die Männer in gemütlicher Runde um den Frühstückstisch mit selbst gebackenem Brot
von Oma Tine und natürlich Hausmacherwurst von ihrem Mann.
Mit dem Wursten will Dietrich Geffken bis zum Montag warten.
Das Schwein muss erst mal auskühlen, und außerdem muss der Trichinenbeschauer erst noch seinen
Stempel aufdrücken.
„Mit Schmuh und so ist das nichts beim Schlachten“.