Schlachten in den 80- und 90iger Jahren

Jahre später, Anfang der 80er Jahre, ich war Elektromeister geworden und in der Schiffselektotechnik im
internationale Service tätig, traf ich einen alten Schulkameraden, Fritz Schrieber aus Berne, der als Koch
bei der Reederei Beilken aus Brake zur See fuhr, und den ich schon einmal in Florida während einer
Werftzeit getroffen hatte, er hat Bäcker bei Jost gelernt, auf einer Reise von Rotterdam nach Belfast wieder.
„Fritze“ hatte gerade halbe Schweine bekommen, und er kam zu mir
„Oh, Klaus Du kannst doch Schlachten“
kannst Du mir nicht beim Zerlegen helfen und mir das zeigen.
So kam es, dass ich gemeinsam mit ihm die Schweine nach dem Abendessen zerlegte, wo bei wir auch
Zuschauer hatten, und zwar die philippinischen Decksleute: Sie schauten durch die kleine Serviceklappe
von der Messe zur Kombüse und wunderten sich, dass der Elektriker so perfekt die Schweine zerlegte.
Das Rinderschlachten war schon ein größerer Aufwand, hier musste mit noch mehr Aufmerksamkeit
gehandelt werden.
Es war schon sonderbar, sobald wir die Diele und oder den Stall betraten wurde das Vieh unruhig, als wenn
sie etwas ahnten.
Das zu schlachtende Rind wurde dann vom Bauern aus dem Stall zum Schlachtplatz geführt und zwar
dorthin, wo es auch aufgehängt werden sollte, meistens auf der Tenne, aber manchmal auch im Stall. Das
brachte natürlich Unruhe, denn ein Rind konnte natürlich nicht so einfach hin und her transportiert werden.

Kopfschlachter auf dem Essener Schlachthof um 1912

Foto:
Kopfschlachter auf dem alten Essener Schlachthof um 1912.
Bei dem Schlachter, Mitte links im Bild, sieht man deutlich den Betäubungshammer der derzeit noch
gebräuchlich und zulässig war
Es passierte auch, dass eine Betäubung nicht klappte, oder der Schussapparat nicht Funktionierte,
bei Großtieren legte mein Vater immer eine schwere Axt, oder eine schweren Hammer bereit,
zum Glück habe ich das nicht erlebt.
Das Tier wurde mit dem Bolzenschussapparat betäubt, danach wird ein Rückenmarkzerstörer durch den
Einschusskanal im Kopf bis in die Wirbelsäule vorgeschoben und einige male hin und her bewegt.

Dieses kommt einer Tötung gleich und gleichzeitig wird das Tier reflexlos gemacht, und somit
Verletzungen des Schlachtpersonales vermieden, und der Unfallverhütungsvorschrift der Fleischerei-
Berufsgenossenschaft Rechnung getragen.
Wir hatten hierfür einen dünnen Rohrstock.
Danach wurde dem Tier zur Entblutung die Halsschlagader durchtrennt und das Blut abgelassen. Ich kann
mich nicht erinnern, dass das Rinderblut im Haushalt verwendet wurde.
Nun wurde das Rind aus dem Fell geschlagen. Hierfür wurde erst einmal das Fell von den Beinen und dem
Hals frei geschnitten, dann wurde eine Kartoffel oder ein Stein ins Fell gelegt, mit einem Tau befestigt, das
Tau wurde dann um die Hüfte gelegt und festgehalten, dann wurde mit einem großen Hammer, also mit
einem stumpfen Schlagwerkzeug immer auf das Fell, aber Nahe dem Fleisch geschlagen, bis die größte
Fläche ausgeschlagen war, der Rest wurde mit dem Messer und nach dem aufhängen gemacht. Das Tau zu
halten war ziemlich schmerzhaft, und es machte sich keiner Gedanken über die Verletzungen des Rückens.
Dann wurde das Tier, meistens mit zwei Flaschenzügen, an die Decke gehängt, und ausgenommen,
hierfür wurde ein Tisch an das Tier gestellt und die Eingeweide herausgenommen, diese waren ja um ein
vielfaches größer und auch schwerer als beim Schwein.
So wurde dann das Rind fertig geschlachtet.
In den früheren Zeiten wurden natürlich auch die Därme und die Mägen genutzt, denn es wurde alles
verwertet.
Nach 2-3Tagen wurde dann das Rind zerlegt, denn es sollte ja etwas abhängen und auskühlen.
Auch das war eine sehr anstrengende Sache, denn die zu bewältigenden Stücke waren groß und schwer, sie
mussten dann in Portionsstücke geschnitten und gesägt werden, die Knochen waren meist sehr hart, sie
wurden mit der feineren Bügelsäge geschnitten.
Bei Hans-Dietrich und Käthe Wiechmann in Neuenhuntof schlachteten wir ein Rind und Schwein
zusammen, dann wurde auch Rindermettwurst gemacht, hier wurden 2/3 Rindfleisch und 1/3
Schweinespeck verwendet. Die Schweine hatten derzeit auch noch richtig dicken Rückenspeck, so daß noch
was für die Rindermettwurst übrig blieb, die nach der gleichen Rezeptur wie bei der Schweinemettwurst
hergestellt wurde.
Manche Rinder wurden auch in kleinen Mengen verkauft (utpuntjet, ausgewogen).
Wie manchmal bei unseren Nachbarn und elterlichen Freunden, den Bauern Karl und Gertrud Essmann mit
den Kindern Marianne, Karl und Heino, wo ich zur Hälfte meiner Kindheit mit dem Sohn Heino aufwuchs,
und somit auch viel von der Landwirtschaft und von Tieren lernte. Mir hat das schon immer viel Spaß
gemacht.
Da durch die Landwirschaft bei Essmann permanent Zeitmangel herrschte, half meine Mutter auch
häufiger beim Wursten. Eimal sassen Heino und ich auf der Bank unter dem Fenster und tobten. Einer von
uns beiden fiel an das Fenster und die Scheibe zersprang. Zum Glück fiel das Glas nach aussen, sonst hätte
man wohl das Fleisch auf dem Tisch verwerfen können. Wir bekamen natürch fürchterlich Schimpfe.
Nach Wunsch wurde in Viertel, Achtel usw., alles aufgeteilt, gewogen und musste nach vereinbartem Preis
bezahlt werden.
Der Schlachtveranstalter bekam den Schwanz und durfte auch das abgezogene Fell an den Lohngerber
verkaufen, den es in der Nachkriegszeit noch in einigen Dörfern gab. Auch die Borsten von den Schweinen,
wir sammelten sie, wurden noch abgeholt, und es gab noch etwas Geld dazu.
Manchmal schlachtete mein Vater auch ein Schaf fürs Fell, ließ es bei Claus Clausen aus
Neuenhuntorfermoor gerben und verkaufte es dann.
Ein Erlebnis war es auch einmal als wir bei Fritz Braue am Weserdeich in der Gaststätte, ein Rind
„utpuntjet“. Der Verkauf ging recht zügig voran, und einige Käufer, wie auch andere Gäste, blieben noch in
der Gaststube sitzen und begossen den Kauf bis Herr Lübben, der Schwiegervater meiner Großcousine
Wilma Gerdes, ziemlich angeschossen war.
Wir hatten nur noch Talg zu verkaufen und alle redeten auf ihn ein, Fritz handelte dann noch mit Ihm um
eine guten Preis.Sage und schreibe kaufte er den ganzen Talg, aber was konnte er damit anfangen, fast
nichts?Aber er ging natürlich stolz mit seiner Errungenschaft nach Hause. Postwendend kam er mit seiner
Frau, oder seine Frau mit ihm, zurück, alle bekamen eine fürchterliche Standpauke, so daß sie den Talg da
lassen konnte und auch das Geld wieder bekam.
Aber alle hatten einen großen Spaß.

Lustig war auch die Sitte des Schwanzklauens in manchen Dörfern. Da wurde der Schwanz vom
unbeaufsichtigten Schwein abgeschnitten, mit einer Schleife geschmückt und der Hausherr oder auch die
Hausfrau mussten ihn dann mit Grog oder Köm auslösen. Wenn aber der „Dieb“ erwischt wurde, musste er
die Zeche bezahlen und das waren manchmal wirklich Feste.
Einmal rodelte eine Festschar, voran mein Vater in voller Schlachterausrüstung, am 21.01.1958. Nacht’s in
einer Badewanne den Deich (dieser wurde erst in den 60er Jahren abgebaut) neben unserem Haus herunter.
Diese Festschar hatte die Geburt von Walter Haye’s Tochter „Annelene“ bei Marga Osterloh im
„Stedinger Landhaus“ (früher Karl „Opa“ Looschen Gaststätte „Zum gelben Ross") in der Gaststätte
unserem Haus gegenüber gefeiert, wo mein Vater noch einen Absacker trinken wollte und so mit in die
feiernde Schar, voran der junge Vater Walter, mein Vetter Died, Marga mit Schwester Erika Blase, und
noch einigen anderen, geriet.
Ja, ja, feiern konnte man in Dreisielen, auch noch in meiner Generation.
Vor dem Schlachten musste der Tierarzt oder der Fleischbeschauer das Tier anschauen, ob es gesund war,
und nach dem Schlachten Fleischproben für die Trichinenschau schneiden, die er dann in der im Labor,
oder der Fleischbeschauer in der Küche, durch sein Mikroskop untersuchte.
Auch in Lunge, Milz und Leber machte er einen Messerschnitt, um die Gesundheit zu kontrollieren. War
alles ok, bekam das hängende Tier an den vorgeschriebenen Stellen seine runden und rechteckigen Stempel.
Nun erst durfte daran weitergearbeitet werden.
Die Fleischbeschau wurde 1879 gesetzlich verordnet und durfte nur von dazu ausgebildeten Leuten
ausgeübt werden.
Bei Kaninchen und Geflügel darf die Schlachttier- und Fleischuntersuchung unterbleiben, wenn der
Schlachtende keine bedenklichen Merkmale am Tierkörper entdeckt.
Es gab ausgebildete Fleischbeschauer, aber später musste es von Tierärzten gemacht werden.
Mein Vater erzählte oft die Geschichte von unserem bekannten Tierarzt Dr. Walter von Oesen aus Schlüte,
der dort auch einen sehr sauberen, großen Bauernhof und einer erfolgreichen Pferdezucht führte, welches
sein Sohn Dieter bis heute erfolgreich fortführt:
Er saß mit den Schlachtveranstaltern (ich weiß nicht mehr auf welchen Bauerhof) nach Beendigung der
Arbeit noch auf einen Grog oder Kaffe in der Küche, und alles war für die Fleischbeschau vorbereitet.
Die Leute hatten einen „Scharfen Hund“ der ohne Anschlagen niemanden auf den Hof lassen würde, und
man konnte beruhigt die kurze Pause genießen.
Plötzlich klopfte es an der Küchentür, alle sahen sich überrascht an, keiner konnte sich das erklären,
Gedanken wie: Ist der Hund tot oder ähnlich ging ihnen durch den Kopf?
Vor der Tür stand Dr. von Oesen in Begleitung des Hundes, der ihm friedlich und freudig winselnd um die
Beine strich.
Keiner hatte eine Erklärung, außer Dr. von Oesen, er erklärte locker, er wäre nur furchtlos und freundlich
auf den Hund zugegangen und habe mit ihm gesprochen.
Na, wenn das alles so einfach wäre………….